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Von Lingen und anderen Opfern

by - Dezember 14, 2015

Von Columbo

Was die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) von Januar bis November so treibt, entzieht sich unserer Kenntnis. Im Dezember jedenfalls trifft sie sich, um das „Wort des Jahres“ zu wählen. And the winner 2015 is: Flüchtling!

Ähnlich wie sein Geschwisterchen, das “Unwort des Jahres”, ist auch das Wort des Jahres regelmäßig in pädagogischem Auftrag unterwegs. Die Verwendung von Unwörtern sollte man nach Möglichkeit vermeiden. Kandidaten sind in diesem Jahr „Wirtschaftsflüchtling“, „Flüchtlingskrise“, „Asylkritiker“ und „Gutmensch“. „Lügenpresse“ war im vergangenen Jahr der klare Sieger. Auf das Podest schafften es 2013 „Sozialtourismus“, 2011 waren es die “Dönermorde“, 2006 die „freiwillige Ausreise“. So ganz ohne oberlehrerhaften Charme geht es also nicht zu.

Und so ist auch mit dem Wort „Flüchtling“ ein gerüttelt Maß an Sprachkritik verbunden. Objektiv gesehen ist zunächst „Flüchtling“ schon deshalb Wort des Jahres, weil es in diesem Jahr das meistbenutzte deutsche Wort war. DiskursKorrekt hat nachgezählt: allein in den öffentlich-rechtlichen Sendern ist der Begriff im Zeitraum 1. Januar bis 30. November exakt 37.840.595 Mal gefallen. In einer beliebigen Sendestunde zum Beispiel auf InfoRadio war es durchschnittlich 161 Mal zu hören, sogar 217 Mal auf Funkhaus Europa. In den Talkshow-Titeln von ARD und ZDF kam es 237 Mal vor. „Flüchtling“ – ein wahrhaft würdiger Preisträger.

Aber kommen wir zur kritischen Komponente. Und damit auch gleich zur Erkenntnis, warum man in engagiert linken Kreisen zunehmend von „Geflüchteten“ statt „Flüchtlingen“ redet. Das Ling macht es nämlich aus. Schädling, Emporkömmling, Schreiberling – na, fällt Ihnen was auf? „Tendenziell abschätzig und negativ konnotiert“, teilt die GfdS mit. Jedenfalls für sprachsensible Ohren. Sprachsensibel, je nun, das sind wir, die wir noch immer mit erfrischender Unbekümmertheit von „Asylantenheimen“ sprechen, vermutlich nicht. Die negative Konnotation der Linge entgeht uns daher, und auch die „deutlich passive Komponente“ der Wörter Lehrling, Findling, Sträfling oder Schützling wäre uns ohne Hinweis der GfdS entgangen. Aber wozu hat man Experten! Wobei man fairerweise zugeben sollte, dass eine gewisse Passivität das natürliche Schicksal des Findlings ist, beispielsweise im Gegensatz zur deutlich aktiveren „Lawine“. Aber gut, Lawine und Flüchtlinge, da wäre man ja schon wieder bei Wolfgang Schäuble. Lassen wir das.

Die Linge sind also negativ konnotiert und passiv, klassische Opfer eben. Als solche zu vermeiden. Ob „Geflüchtete“ nicht das Wort des Jahres geworden wäre? Oder gar der aktiv-dynamische „Schutzsuchende“? „Wirtschaftsgeflüchtete“? Müsste man jetzt spekulieren. („Klimaflüchtling“ allerdings: trés chic!) Und ob sich mit dem Geflüchteten die deutlich negative Konnotation des Flüchtlings, die in der breiten Öffentlichkeit empfunden wird, abrupt in eine positive verwandeln würde, darf zumindest bezweifelt werden.

Gewiss ist jedenfalls, dass der negative Beiklang der Linge mitunter auch beabsichtigt ist, etwa wenn wir im Zusammenhang mit dem Tagesspiegel von „Lohnschreiberlingen“ sprechen: eine ausgewogene Mischung aus unbestreitbarer Wahrheit und gezielter Stichelei bei gleichzeitiger Wahrung der Contenance. Unsere Lieblinge vom Askanischen Platz, wobei, Liebling geht ja auch nicht, ebenso wenig wie Darling. Feiglinge, Primitivlinge, Naivlinge, Wüstlinge, journalistische Neulinge, ach, alles verboten…

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5 Kommentare
  1. Columbo permalink

    Na bitte, da haben wir es doch: Unwort des Jahres 2015 ist „Gutmensch“.

    http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/darmstadt-gutmensch-ist-unwort-des-jahres-2015/12819156.html

    Das Schlagwort in Zusammenhang mit der Flüchtlingshilfe diffamiere Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischen Imperialismus, hieß es zur Begründung. Trifft doch aber alles zu, oder?

  2. Tip permalink

    Für das Unwort des Jahres würde ich das Wort „Schutzsuchende“ auswählen.

    Die „Schutzsuchenden“ legen bis zu 3500 km zurück So lange wurden sie verfolgt und haben keinen anderen Ort der Sicherheit gefunden? Etwas unwahrscheinlich oder? Das sieht nach einer zweckorientierten Suche nach den besten Möglichkeiten aus. Dafür spricht auch die Weigerung sich überhaupt in den anderen Ländern registrieren zu lassen.

  3. Der nun wieder permalink

    Also – meine Frau heißt „Liebling“.

    Da ist aber nun wirklich nix negatives bei. Es ist immer so, dass bei bestimmten Wörtern was reingezwungen wird, was dann gerade im Gusto des Gutmenschlings liegt, der sich bestimmt im Wildgehege auch nicht an „Frischlingen“ stört.

    Beispiel: Islam – Islamismus.

    Allein das Wort läßt es zu, da einen „ismus ranzuhängen. So ist es bequem geeignet, auch hier nach Gusto des Gutmenschlings gebraucht zu werden, denn: Islamismus hatr ja dann mit Islam nichts zu tun, er ist somit prädestiniert für die anhaltende Abspaltungsorgie.

    Doch nun gibt es auch Buddhismus, Hinduismus. Was ist das denn nun? EIne böse Steiegrung von Budhhi und Hindi oder was?

    Dann gibt es Christentum und auch Judentum. Hier geht ja ein Ismus rein von der Wortkonstruktion gar nicht.

    Mich jedenfalls kotzt der Unsinn mit den Wortwahlen absolut an. Wer verdient eigentlich an dem Quatsch? Ebenso unwichtig wie die Wahl zur „Person des Jahres“. Aber das hatten wir hier ja schon.

  4. thombar permalink

    deutsche sprachpolizisten haben ja eine lange tradition, die derzeit vom maaslosen heiko und seiner lieblingsstasianetta mal wieder neu belebt wird. na ja, 70 jahre ohne behördliche sprach- und gedankenpolizei sind ja auch mehr als genug!, wir müssen die medien mal wieder etwas von diesen aufgaben entlasten, bzw rechtlich abgesichert unterstützen.

    der sinn dieser „gesellschaft“ dürfte wohl darin liegen den menschen dumm, sprachlos, angsterfüllt und unpolitisch zu machen.

    der sinn von „wörtern des jahres“ oder „unwörtern des jahres“ liegt nicht etwa darin, besonders absurde oder gelungene wortkreationen als solche zu kennzeichnen. der sinn dieser task force sprache / aka gesellschaft für deutsche sprache, ist der, den menschen angst einzuflösen bestimmte worte und damit ihren gesamten kontext zu denken und auszusprechen!

    wer angst hat dinge frei zu denken und ohne vorgaben seine meinung zu formulieren, wird zum politisch gewünschten kleinen unpolitischen dummerchen, der nur noch nachbetet was ihm die politiker und ihre (vermutlich) von ihnen selbst finanzierten gesellschaften (z.B. für sprache) leicht verdaulich vorkauen.

    zuerst wird das aussprechen von bestimmten worten verumglimpft, danach wird das denken von bestimmten themen verunglimpft, als nächstes wird dann der verstoss gegen sprachregelungen verboten und bestraft.

    was kommt dann? gulags für sprachverbrecher? gulags für denkverbrecher?

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