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Vom Pauschalist zum Pauschalisierer

by - September 22, 2015

Von Hebold

Leute, die in ihrem Leben nie richtig arbeiten mussten, sondern von Staatsknete oder vom Schreiben für den Staatsrundfunk lebten, neigen dazu, sich selber für gut und die anderen zumindest für bedenklich zu halten. Außerdem möchten sie diesen anderen sagen, was sie erwartet und überhaupt: Wie die Welt um sie so ist. Ferner sind sie sozial. Und sie lieben Änderungen, solange diese sie nicht selber betreffen.

Herr Jörg Thomann ist so einer. Studium der Publizistik, Politologie und Lateinamerikanistik. »Schloss 1998 mit einer Arbeit zur Fernsehkritik doch noch das Studium ab«, heißt es lapidar in seiner Vita – also eine Arbeit über Leute, die an der Arbeit anderer Leute verdienen. Ich wußte nicht, dass es so etwas gibt. Vom Pauschalist bei FAZ schaffte er es in die Rubrik »Leben« der FAZ – als ginge es nicht noch etwas platter. Und dieser Herr, der aussieht als wäre Harry Potter in der Pubertät hängen geblieben, dieser Herr hat heute für uns, also für den Durchschnitt, einen Blick auf unsere aktuelle Lage entworfen. Unter dem Titel Das Ende der kleinen, heilen Welt heißt es:

Die vielen Migranten, die zu uns kommen, stellen unser Lebensmodell in Frage. Der wahre Ausnahmezustand ist womöglich unser seliges Wohlstandsdasein gewesen.

Nach diesem vielleicht etwas überraschenden Anfang kommt es dann elendig platt:

Auf jeden Fall waren wir Deutschen einen Moment lang Weltmeister der Herzen. Mal nicht bewundert für die Effektivität unserer Maschinen, sondern für Menschlichkeit. Und wo deutsche Politiker sonst stets damit rechnen müssen, in der Weltpresse wahlweise mit Pickelhaube oder Hakenkreuzarmbinde aufzutauchen, war Merkel mit einem Mal ein Engel, eine Heilige, die mitfühlende Mutter.

Ich weiß nicht, wann wir in welcher arabischen Zeitung das letzte Mal mit Pickelhaube gezeigt worden sind und ob der Kaiser da womöglich noch lebte – aber ich weiß, dass hier eine Batterie von banalen Bilder über Deutschland bedient werden soll. Bilder, die sich dieses Land vornehmlich über sich selber gestrickt hat mit Hilfe von ganz vielen Jörgs, die ihre Studien der Anglistik nicht schafften.

Im weiteren versinkt der Ex-Pauschalist geradezu in seinen Stereotypen:

Die Wirtschaftsforscher sind sich weitgehend einig: Einwanderung ist gut – gut für alle. Von den Fotos im Wirtschaftsteil der Zeitung blicken uns lächelnde Menschen entgegen: zuversichtlich, tatkräftig, gut gebildet, hungrig auf Erfolg. … Was aber ist mit jenen Menschen, die nicht lächeln? Die nicht hungrig auf Erfolg sind, sondern einfach nur hungrig? Sind die auch so wie wir – oder vielleicht eine frühere Version unserer selbst, die wir spätestens mit der Nachkriegszeit überwunden glaubten?

Lese ich da eben »frühere Version unserer selbst«? Steht da wirklich was von Flüchtlingen, die etwas aufbauen wollten? Werden die Kopftuchmoslems, die hier zu Tausenden mit ihren Kindern in die deutsche Sozialhilfe flüchten, ernsthaft mit den Trümmerfrauen von 1946 verglichen? Und das von einem, der in seinen Jahren seit 1971 keine Minute Not leiden musste. Kein Wunder, dass der nicht weiß, was er schreibt. Ja, er weiß nicht einmal, über wen er hier schreibt:

Die Migranten, die jetzt zu uns kommen, bringen unser ideologisches Grundgerüst ins Wanken. Zeitschriften, Bücher, Freunde und Bekannte haben es uns über Jahre eingetrichtert: Wir sind auf dieser Welt, um glücklich zu sein. … Also versuchen wir, uns zu perfektionieren, trainieren unseren Körper und Geist, machen Yoga und Bauchmuskeltraining, kaufen Bio-Obst und verzichten auch heute wieder auf Fleisch. Seltsame Selbstoptimierer, sehen wir uns im Angesicht der Fremden der Lächerlichkeit preisgegeben. Wenn die nur könnten, wie sie wollten, würden sie erst mal konsumieren bis zur Erschöpfung. Hältst du ihnen einen Bio-Apfel entgegen, nehmen sie den ganzen Korb. Und würden gewiss lieber gleich zu McDonald’s gehen. Für unser Lebensmodell ist der Migrant eine Zumutung: Er will nicht das beste Leben von allen, er will ein besseres, ja manchmal überhaupt nur das: am Leben bleiben.

Herr Thomann schreibt nicht über die deutschen Bürger, die dieses Land auf die Höhe wirtschaftlicher Leistung führten – er schreibt tatsächlich über seinesgleichen. Also den durchschnittlichen links-intellektuellen, halbgebildeten, wirklichkeitsfernen Bürger, der Grün wählt, Rot hofft und Steuern verfuttert. Jene also, die seit den Niederlagen von 1977 nach einem neuen Idealvolk der Proletarier suchen: Arm, dumm, manipulierbar. Anders sind die folgenden Sätze schwerlich erklärbar:

Damit beschämt er (der Migrant) uns. Unsere kleine, heile Welt gerät aus den Fugen, wenn unser Handy-Akku leer ist, der Sohn in Mathe eine Vier kriegt und wir keinen Parkplatz vor der Haustür. Erste-Welt-Probleme.

Denn natürlich hat auch der Migrant heute ein Smartphone. Ohne das wüßte er nämlich nicht, welche Balkanroute gerade dicht ist. Nein, die Migranten kommen nicht, um sich hier ein Leben zu erarbeiten – sie kommen, um an dem hier erarbeiteten Leben teilhaben zu können. Ohne vorher etwas zu tun. Dabei mag es ja sein, dass der ein oder andere arbeiten will. Nur können wir 98% von ihnen hier nicht brauchen. Einem Industrieland nutzen fünfmal täglich betende Fachkräfte herzlich wenig. Den Fehler von 1961 sollten wir nicht wiederholen.

Aber der Autor der FAZ scheint das gleichfalls zu wissen. Also packt er die Moralkeule aus:

Unser westliches Wohlstandsdasein lässt sich nur genießen durch Fatalismus und Verdrängung. Fliegen wir nicht zu den Armen, sondern kommen die Armen zu uns, kann das verstörend sein. Diejenigen, die ihre Heimat verlassen, tun dies oft unter furchtbaren Umständen. Sie schlafen auf dem Boden, laufen viele Meilen, scheuen auch tödliche Risiken nicht. … Wir stöhnen über die Vielzahl unserer Chancen – sie wollen ihre einzige nutzen. Und wer wollte ihnen das Recht dazu verweigern, das Recht auf ein menschenwürdiges Leben?

Nun, ganz einfach: Wir. Jedenfalls dann, wenn die Herrschaften meinen, sich in unsere sozialen Netze flüchten zu können. Niemand nimmt Afrikanern und Syrern das Recht, in ihren Ländern ihr Glück zu versuchen. Aber Europa zählt nun einmal zu den Gebieten der Welt mit der höchsten Bevölkerungsdichte.

Doch solchen Argumenten ist der Autor aus der Rubrik »Leben« nicht zugänglich. Er kennt ja die Welt und weiß:

Wir sind heute, mehr denn je, eine Welt, ob wir das nun wollen oder nicht. An den Grenzen kann man kontrollieren, komplett verschließen kann man sie nicht. An diese Idee klammern sich nur noch jene, die die Linke jahrzehntelang angefeindet haben für ihre Utopie des globalen Multikulti. Die äußere Rechte glaubt sogar noch an nationalstaatliche Lösungen, sie will Zäune bauen und Mauern, die für alle von außen verschlossen sind, ein brachialer Denkmalschutz für den behaglichen deutschen Wohlfahrtsstaat. Wer, bitte, ist hier weltfremd?

Gute Frage. Dass man Grenzen komplett abschotten kann, ist Faktum. Einige Länder der Welt führen das erfolgreich vor, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zu Hunderttausend schlüpft man dort jedenfalls nicht an den Sperren vorbei. Und nur darum geht es. Ungarn beweist schon, dass man ein Land erfolgreich abriegeln kann.

In seiner Einfallslosigkeit verfällt der Pauschalisierer auf ein letztes, besonders dämliches Argument, das nur einem Scheindenker in den Sinn kommt: Er erklärt für gleich, was zwar gleich aussieht, aber etwas völlig anderes meint:

Auch diejenigen, die am liebsten niemanden mehr ins Land lassen würden, argumentieren moralisch: Wir seien unseren Kindern gegenüber verpflichtet, dass diese in Freiheit aufwachsen könnten. Soll heißen: frei von Armut, frei von Gewalt, frei von einer Religion, die – so die Propaganda – bald all unseren Töchtern Kopftücher aufzwingen wird. Wie frei aber ist man wirklich, wenn man von hohen Mauern umgeben ist?

Wenn die Vertreter der islamischen Ideologie draußen bleiben, würde ich sagen, ziemlich frei.

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One Comment
  1. exTspOnline-Mitleser permalink

    Die Journalie schaltet jetzt wohl auf den Kurs „sowohl – als auch – Aber“ um, so fasse ich mal den Bericht von Markus Mähler auf, der heute auf einem anderen „No-go-Medium“ erschienen ist.

    http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/enthuellungen/markus-maehler/wir-waren-besoffen-warum-journalisten-die-fluechtlinge-ploetzlich-nicht-mehr-so-toll-finden.html

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